Abitur 1953

Das Gruppenfoto vom 04. Juni 2003

Zum Foto als Download [306KB]

Sie können das Foto in einer größeren Version (306 KB) downloaden, indem Sie darauf klicken.
Bitte haben Sie während des Ladevorgangs etwas Geduld.

Die Begrüßungsrede

Musiklehrer sind verkannte Genies. Das waren sie schon zu unserer Schulzeit. Und man muß sie gewähren lassen; Widerstand ist sinnlos. Anders gesagt: Damit die Jungen ausgiebig Singen und Musizieren konnten, selbstverständlich zur Freude der Alten, habe ich Letzteren meine Begrüßungsansprache "Neugier und Erinnerung" vorenthalten. Die soll nun nachgereicht werden – und mag Interesse finden: bei Jung und Alt und vielleicht auch bei Musiklehrern.
N.K.

 

Liebe Altschülerinnen, liebe Altschüler,

sehr geehrte Frau Briesemeister,

sehr geehrte Frau Fritsch, sehr geehrter Herr Fock,

liebe Schülerinnen und Schüler des Bühring - Gymnasiums!

Vor fünfzig Jahren, kurz vor dem 17.Juni 1953, haben wir, 112 Schülerinnen und Schüler, in diesem Haus unser Abitur gemacht – unterrichtet in fünf Klassen an zwei Schulen. 73 von ihnen haben wir mit Namen und Adresse ausfindig machen können. Mit Trauer mussten wir bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis nehmen, dass 12 unserer Mitschülerinnen und Mitschüler bereits verstorben sind. Zugesagt, zu unserem heutigen Altschülertreffen zu kommen, haben 35 von den 73 eingeladenen Abiturientinnen und Abiturienten. Hinzu kommen noch Schülerinnen und Schüler, die bereits vor dem Abitur die Schule verlassen haben, die aber, wenn es ums Feiern geht, einfach dazugehören, weil wir mit ihnen viele Jahre gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. Insgesamt  kommen wir damit auf die stattliche Zahl von 54 Teilnehmern. Und wenn wir nun noch ein paar "Spätentdeckte" und jene hinzurechnen, die erst im letzten Augenblick entscheiden, ob sie kommen oder nicht,  könnten es sogar noch mehr werden. – Weniger erfolgreich waren wir beim Aufspüren von Lehrern, vor allem auch im Vergleich zum Jubiläumstreffen der Schule von vor drei Jahren. Stand vor drei Jahren noch Herr Freudenberg, ein Lehrer der II. Oberschule, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, so ist er heute unauffindbar geworden und gemahnt uns, das "memento mori!" nicht zu vergessen. Von den damals jüngeren Lehrern haben wir Herrn Burkhardt, den Englischlehrer, und Herrn König, er unterrichtete Biologie, Chemie und Gegenwartskunde, gefunden. Beide gehörten zur  Joh. R. Becher-Oberschule. Albert Burkhardt lässt herzlich grüßen, bedauert, heute nicht dabei sein zu können und freut sich auf ein nächstes Mal. Gerhard König ist ebenfalls verhindert.

Was bewegt Damen und Herren fortgeschrittenen Alters, sich anlässlich des fünfzigsten Jahrestags ihres Abiturs auf ein solches Treffen  einzulassen? Und umgekehrt, was ist es, was andere davon abhält? Da gibt es, abhängig auch vom Grad der Vertrautheit zueinander in Schülerzeiten, eine Vielfalt individueller Motive und Interessen. Einzelne sind über die Jahre hinweg in lockerem oder engerem Kontakt geblieben, haben sich nie ganz aus den Augen verloren; fast ließe sich sagen, sie sind miteinander alt geworden: als Freunde, Kollegen, wenn ich z.B. an die Zunft unserer Brauer denke, als Ehepartner, vielleicht auch – nur vorübergehend – in Liebe verbandelt – da war vieles möglich. – Nach Wende und Wiedervereinigung haben zwei Klassen die Chance genutzt, Vereinigung im Kleinen zu üben: sie haben sich gesucht, gefunden und getroffen; haben also auch bereits Erfahrungen in der Organisation und im Umgang mit Schülertreffen gemacht. Es ist für sie nichts Außergewöhnliches mehr. - Daneben aber gibt es die Gruppe derjenigen und sie geht querbeet durch alle Klassen und dürfte auch recht groß sein, die sich tatsächlich nach fünfzig Jahren zum ersten mal wiedersehen. Aber dann: welche Enttäuschung, wenn man  oder frau vergessen worden ist, d.h. nicht nur  nicht wiedererkannt wird - das passiert häufig: schließlich haben wir uns – hoffentlich, wenn wir an Bertolt Brechts Herrn Keuner denken – verändert,  sondern einfach aus der Erinnerung verschwunden ist, vielleicht nie richtig Fuß in ihr gefasst hat. Und umgekehrt: welch’ Glück, wenn einer beim anderen noch Erinnerungen weckt: "Weißt Du noch?" – Ums Erinnern also geht es und um Neugier! Um die Erinnerung von und an  Menschen, die miteinander erwachsen geworden sind, um den Wunsch, die eigene Geschichte zu erzählen; und um die Neugier auf die Geschichte der anderen. Und da beginnt auch ein Problem: wer sich seiner selbst allein im stillen Kämmerlein erinnert, kann draußen lassen, was die Erinnerung trübt, was am – mitunter mühsam errungenen - Selbstverständnis kratzen könnte.  Gemeinsames Erinnern birgt das Risiko des Öffentlichwerdens von ganz Persönlichem: vom Intim-Privaten bis hin zum Politischen. Und da läuft Gefahr, zur Sprache zu kommen, was manchmal im Vergessen vielleicht gar nicht so schlecht aufgehoben war. Solche Treffen ähneln "Zeitreisen" in die Vergangenheit: das Erinnern der Vielen lässt Geschichte lebendig werden. Selbst die Geschichtswissenschaft, wenn wir an "oral history" und die Rolle von  "Zeitzeugen" denken, profitiert davon.

Kurz, wer sich auf ein Altschülertreffen einlässt, hat sich zumindest eines bewahrt: die Lust am Erinnern und die damit einhergehende Neugier. Aber wer neugierig ist, sollte sich – eingedenk des "Lauschers an der Wand ..." - mit Mut und Risikobereitschaft wappnen – was nicht jedermanns Sache ist, weshalb auch immer einige fehlen werden. Denn Neugier hat ja nicht nur zur Entdeckung Amerikas geführt, sondern – wenn wir der biblischen Geschichte folgen – auch zum Verlust des Paradieses. Was den Neugierigen erwartet, ist also offen. Um das Risiko zu mindern, haben wir getan, was Gesellschaften seit alters her in solchen Fällen tun: Wir haben unsere  Veranstaltung zweigeteilt. Am Anfang steht die Feier, streng choreographiert durch  Musik, feierliches Reden, Darbietungen und Danksagungen. In der Feier versichern wir uns unseres Wohlwollens, halten uns an die Konventionen, kurz, wir sind einfach nur nett zu einander. Im Fest danach, dem zweiten Teil unseres Altschülertreffens,  beginnt der dionysische Teil: da darf dann auch mal Tacheles geredet und wenn schon nicht gleich über die Stränge geschlagen, so doch einfach nur nach Herzenslust getratscht und geklatscht werden.

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter - und heutzutage natürlich auch Mütter. Sie alle aufzählen zu wollen, birgt – gerade bei einem  Unternehmen wie dem Altschülertreffen, dessen Gelingen in besonderem Maße von der gemeinsamen Anstrengung abhängt – die Gefahr, notwendig die eine oder den anderen zu vergessen. Apropos, "gemeinsame Anstrengung": für jemanden, der darauf aus ist, Menschen kennen bzw. wieder kennen zu lernen, ist die Vorbereitung ein Prüfstein der Erinnerung und damit der interessanteste Teil eines Altschülertreffens. - Wenn ich einigen wenigen an dieser Stelle danken möchte, dann deshalb, weil ich glaube, dass ohne sie, ohne ihren Einsatz  ein Treffen dieser Dimension und solchen Anspruchs nicht zustande gekommen wäre.

Da ist als erstes Rolf Hildebrandt zu danken, von dem, und zwar sehr früh die Idee kam, sich 2003 im großen Kreis zu treffen; der die Logistik  der Einladungen konzipiert und dann auch ausgeführt hat und der dazu noch tief in die Portokasse greifen musste.
Zu danken haben wir ferner Udo Muschner, der im vergangenen Jahr, ganz auf sich gestellt, ein  "Probetreffen" organisiert hat, gewissermaßen das Pilotprojekt für unser heutiges.  Und weil er dabei sehr erfolgreich war, die Teilnehmer waren voll des Lobes, hat er unserem heutigen Treffen  einen kräftigen Impuls gegeben. Außerdem stand er uns auch diesmal  mit Rat und Tat zur Seite.
Danken möchte ich ferner dem Förderverein des Bühring - Gymnasiums und denke dabei vor allem an die Vorstandsmitglieder Frau Fritsch und Herrn Fock. Sie waren es, die uns die Türen zu unserer alten Penne öffneten und die geholfen haben, eine dem Anlaß unseres Treffens angemessene Feier auf die Beine zu stellen. Das hat sie viel Mühe und  Arbeit gekostet. In diesen Dank einschließen möchte ich  Frau Briesemeister, Gastgeberin und  Schulleiterin, die sich die Zeit genommen hat, uns zu begrüßen; Frau Kantner, die Sekretärin, die mit gleichbleibender Freundlichkeit unsere nicht endenwollende  Wissbegierde nach Namen und Adressen von Schülern und Lehrern, so sie konnte, zu stillen suchte, sowie die zahlreichen Schülerinnen und Schüler, die dazu beigetragen haben, unseren Aufenthalt hier zum Ereignis werden zu lassen.
Ich hoffe und wünsche, dass uns dieser Tag und speziell der Besuch des Bühring – Gymnasiums nun seinerseits lebhaft und lange in Erinnerung bleiben mag – und das nicht nur wegen der extremen Temperatur! Vielleicht geht vom heutigen Treffen sogar ein Anstoß aus, auf die eine oder andere Weise in Kontakt zu bleiben: unter einander, in Beziehung zum Förderverein und  zur Schule - möglicherweise in kleineren Kreisen, wo es dann etwas ruhiger, besinnlicher, auch etwas intensiver zugehen kann.

Berlin, den 04.06.2003

Norbert Krenzlin

Die Jubiläumsfeier

Aus Anlaß des 50. Jahrestags ihres Abiturs treffen sich Schülerinnen und Schüler der ehemaligen Johannes R. Becher-Oberschule und der II. Oberschule zu Berlin- Weißensee am

4. Juni 2003 ab 14:00 Uhr im Restaurant Parkschlösschen,
Parkstr. 31, 13086 Berlin (Weißensee).

Das Programm dieses Treffens, dessen Verlauf Kontur angenommen hat, sieht folgende "Events" vor:

14:45 Uhr: Spaziergang zum Bühring-Gymnasium.
15:00 Uhr: Begrüßung der Teilnehmer durch Vertreter der "Vereinigung der Förderer der Bühring-Oberschule (Gymnasium) Berlin-Weißensee e.V." im Foyer der Schule mit einem Glas Sekt.
15:15 Uhr:

Kleine Festveranstaltung in der Aula

Musikalische Einleitung

Begrüßung der Teilnehmer durch Frau Briesemeister, Leiterin der Bühring-Oberschule und Norbert Krenzlin (Berlin), Abiturient 1953.

Kurze Vorstellung des Bühring-Gymnasiums (Geschichte, Namensgeber, heutige Situation) durch Herrn Arne Fock vom Vorstand des Fördervereins.

Präsentation alter Schulfotos mittels Beamer (Norbert Krenzlin und Schüler).

16:00 Uhr: Besichtigung der Schule
16:45 Uhr: Gruppenfotos vor dem Haupteingang
17:00 Uhr: Rückkehr ins Restaurant Parkschlösschen und Beginn eines geselligen Beisammenseins, auf dem die Frage "Weißt Du noch?" die Gesprächsregie führt.

Die Einladung der Schülerinnen und Schüler, und zwar nicht nur der Abiturienten, sondern auch jener, die schon vor dem Abitur von der Schule gegangen sind, aber gemeinsam mit den Abiturienten jahrelang dieselbe Schulbank gedrückt haben, ist Dank der Initiative und Beharrlichkeit Rolf Hildebrandts (Königstein/Taunus) bereits in vollem Gange. Die Suche nach ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern, von denen die Veranstalter, die ja selber bereits auf die Siebzig zugehen, annehmen und hoffen, dass sie noch am Leben sind, ist angelaufen und wird - wie andere Aktivitäten auch - vom "Förderverein des Bühring-Gymnasiums" dankenswerter Weise unterstützt. - Am Tag darauf ist eine Dampferfahrt im Stadtgebiet von Berlin vorgesehen, die vor allem unter jenen Anklang findet, die schon seit längerem nicht mehr in Berlin leben.
Von 73 Abiturientinnen und Abiturienten - bei insgesamt 112 - haben wir die Adressen ermitteln können; von 12 wissen wir, dass sie verstorben sind. Von 27 Abiturienten fehlt uns die Adresse; ihr Schicksal ist uns unbekannt.

Ehemalige Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, die zum angesprochenen Personenkreis gehören (Stichwort "Abitur, Berlin-Weißensee1953") und auf dieser Homepage zum ersten Mal von unserer Jubiläumsfeier erfahren, sind herzlich eingeladen und werden gebeten, sich postalisch bei

Dr. Rolf Hildebrandt, Grüner Weg 20, 61462 Königstein/Ts., Tel.06174-7943; Fax: 06174-21874

zu melden oder per eMail bei foerderverein@buehring-gymnasium.de.

Statistisches

Im Mai/Juni 1953 haben insgesamt 112 Schülerinnen und Schüler, aufgeteilt auf fünf Klassen, in dem imposanten Gebäude am Kreuzpfuhl, "Schwanenteich", wie wir damals sagten, das Abitur bestanden. An der Joh.R.Becher-Oberschule, hier war der Unterricht neusprachlich orientiert, gab es zwei, an der naturwissenschaftlich ausgerichteten II. Oberschule drei Klassen. Das Verhältnis von Jungen und Mädchen war fast zwei zu eins: den insgesamt 73 Jungen standen 39 Mädchen gegenüber; diese Proportion fand sich allerdings nur in zwei Klassen annähernd wieder: in der 12/2 der Joh.R.Becher-Oberschule (15:7) und der 12/1 der II. Oberschule (13:8). Die übrigen drei Klassen waren entweder "Jungenklassen" wie die 12/2 : drei Mädchen ließen sich von 22 Jungen hofieren, und 12/3 der II. Oberschule: hier kamen auf vier Mädchen 22 Jungen. Umgekehrt war es in der 12/1 der Joh.R.Becher-Oberschule: in einer Klasse mit 17 Mädchen konnten drei Jungen Hahn im Korb spielen. Gewiß war bei dieser Verteilung der Geschlechter auf Schulen und Klassen noch ein traditionelles Rollenverständnis im Spiel: Mädchen tendieren mehr zu Sprachen, Jungen mehr zu den Naturwissenschaften. - Interessanter noch, weil unmittelbar als Kriegsfolge zu begreifen, ist eine Jahrgangsstatistik. Die Abiturientinnen und Abiturienten des Jahres 1953 vertraten vier Jahrgänge: 5 Abiturienten gehörten zum Jahrgang 1933 (= 4,5%); 47 zum Jahrgang 1934 (= 42%); 55 zum Jahrgang 1935 (= 49%) und 5 zum Jahrgang 1936 (= 4,5%). Das heißt: nur die Hälfte der Schüler machte das Abitur im "richtigen" Alter, also mit 18 Jahren; rechnet man die "Ausreißer" des Jahrgangs 1936 noch hinzu, waren es gut die Hälfte. Die andere Hälfte, also den Jahrgang 1933 und teilweise auch 1934, hatte der Krieg aus der Bahn geworfen; sie war zu spät dran. Wenn man berücksichtigt, dass mit dem Herbst 1943 die planmäßige Evakuierung großer Teile der Berliner Zivilbevölkerung begann und die Folgen für den Schulunterricht bedenkt, nimmt dies nicht wunder. "Nach einigen schweren Bombenangriffen im Herbst 1943 hatte Goebbels als Gauleiter von Berlin eine Million Zivilpersonen als ‚unnütze Esser' evakuieren lassen. Die Schulen konnten geschlossen werden." Als ab Juni 1945 der Schulunterricht in Berlin wieder aufgenommen wurde, trafen Gleichaltrige aufeinander, deren Schulbesuch in den vergangenen Jahren und dementsprechender Wissensstand höchst unterschiedlich waren: während einige wenige bis in das Jahr 1945 hinein fast regelmäßig zur Schule gegangen waren (weil die Schule mitsamt Schülern und Lehrern, wie auch im Falle der Weißenseer Oberschule, evakuiert worden war), konnte es passieren, dass andere zwei Jahre lang keine Schule mehr von innen gesehen hatten.

Geschichtliches

Schulische Herkunft und Entwicklung unserer Abiturientinnen und Abiturienten. Die Schulen, die nach Kriegsende den Unterricht im kriegsbeschädigten Gebäude am Kreuzpfuhl wieder aufnahmen, trugen die Bezeichnung "Vereinigte Oberschulen für Jungen und Mädchen/Berlin-Weißensee". Das besagte zweierlei: erstens, die Raumnot war so groß, dass zwei Schulen ein Gebäude nutzen mussten; und zweitens, dass die Schulen, auch Oberschulen, für Mädchen und Jungen noch getrennt waren. Es gab also eine Jungen- und eine Mädchenoberschule, die schichtweise - abwechselnd vor- und nachmittags - in der Woelckpromenade 38 Unterricht hatten. Erst mit der Koedukation, die in Berlin 1948 Gesetz wurde, fiel die Trennung weg: Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet. Von da an gab es eine I. und eine II. Oberschule. 1951 erhielt die I. Oberschule den Namen "Johannes - R. Becher - Oberschule / Berlin-Weißensee". Daneben existierte die "II. Oberschule Berlin-Weißensee" weiter. Becher hatte den Text zur Nationalhymne der DDR geschrieben: "Auferstanden aus Ruinen ...", die ab Mitte der siebziger Jahre kurioserweise nicht mehr gesungen, sondern - nach der Musik Hanns Eislers - bestenfalls noch gesummt oder einfach nur angehört werden konnte: weil ihr Text noch die Einheit Deutschlands beschwor und die politisch suspekt gewordene Wendung vom "Deutschland, einig Vaterland" enthielt. Interessanter als die wechselnden Bezeichnungen oder Namen der beiden Oberschulen, die nach Einführung der Koedukation nicht mehr nach Geschlechtern, vielmehr nach inhaltlichen Schwerpunkten des Unterrichts unterschieden wurden, also nach seiner sprachlichen oder naturwissenschaftlichen Akzentuierung, ist die schulische Herkunft und Entwicklung derer, die sich 1953 den Abiturprüfungen stellten. Da gab es einige wenige, die bereits vor 1945 aufs Gymnasium gekommen waren, also nach Abschluß der vierten Klasse der Grundschule (das konnte je nach Geburtsjahr 1943 oder 1944 gewesen sein), und die den Besuch des Gymnasiums ganz traditionell mit der "Sexta" begannen. Sie erlebten die im Herbst 1943 beginnende Evakuierung von Schülern und Lehrern nach Finsterwalde und die fluchtartige Rückkehr nach Berlin Anfang 1945. Im Herbst 1947 wechselten Schüler der "Knaben-Mittelschule/Berlin-Weißensee", Gleiches dürfte für die Weißenseer "Mädchen-Mittelschule" gegolten haben, an die Oberschule, um den Unterricht in der 3. Klasse (!) fortzusetzen. Hier schwang noch die alte Zählung der Gymnasialklassen mit. In der 4. Klasse änderte sich die Zählung im Sinne der "Einheitsschule": wir wurden 8.Klasse. Besonders interessant, weil bereits Ergebnis der 1948 Gesetz gewordenen Schulreform , war die Bildung einer "Aufbauklasse" im Herbst 1949 als 9.Klasse an der II. Oberschule . Sie rekrutierte sich aus begabten und förderungswilligen Schülerinnen und Schülern Weißenseer Grundschulen, die - ebenso wie die Eltern - davon überzeugt werden konnten, ihre Ausbildung an der Oberschule und mit dem Ziel Abitur fortzusetzen. Der Umstand, dass seit 1948 kein Schulgeld mehr gezahlt zu werden brauchte, immerhin mussten auch nach dem Krieg noch 20,- RM im Monat für den Schulbesuch berappt werden, dürfte die Entscheidung erleichtert haben. - Ein weiteres Kapitel, welches allerdings erst noch aufgearbeitet werden müsste , sind die "Abgänge": häufig nach Beendigung der 10. Klasse, aber auch in der 11., manchmal sogar noch in der 12. Klasse. Neben ganz persönlichen Gründen spielte hier bereits die Teilung Berlins hinein, wenn z.B. Eltern aus beruflichen oder politischen Interessen nach Westberlin umzogen und die Kinder, die vielleicht noch gern ihr Abitur gemacht hätten, mitnahmen. In diesem Zusammenhang müssen auch und vor allem die "unfreiwilligen" Abgänge gesehen werden; Abgänge, die Folge politischer Repression waren. Den spektakulärsten und zugleich absurdesten Fall in unserem 53er Abiturjahrgang bildete die Relegierung unseres Mitschülers Horst Wolff kurz nach den schriftlichen Abiturarbeiten, das heißt wenige Wochen vor den mündlichen Prüfungen. Horst Wolff war Mitglied der Jungen Gemeinde gewesen, wurde deshalb im März 1953 Zielscheibe einer rüden Hetzkampagne der FDJ und flog im Mai von der Schule. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Schuster, hatte drei Geschwister und er kannte die Not. Der Besuch der Oberschule war in seinen Kreisen keine Selbstverständlichkeit, sondern - trotz Schulgeldfreiheit - immer etwas den Verhältnissen Abgetrotztes. Entsprechend hoch war die Arbeitsmoral, die - im Verein mit seiner sprachlichen Sonderbegabung - zu exzellenten schulischen Leistungen führte. Kurz, Horst Wolff hätte als Vorzeigeexemplar für die Bildungspolitik eines Arbeiter- und Bauernstaates fungieren können, wenn es sich denn um einen solchen gehandelt hätte und nicht um eine Funktionärsclique von Moskaus Gnaden, die ihren 17. Juni noch vor sich hatte . Und um das Maß des Widersinnigen voll zu machen: Horst Wolff wollte Slawistik studieren, um Russisch-Lehrer zu werden! Er wollte freiwillig, weil ihn die Sprache, die Literatur und das Land reizten, etwas werden, wozu man in der DDR bei anderen Abiturienten in der Regel nachhelfen, d.h. mehr oder weniger sanften Druck ausüben musste. Er durfte nicht Slawistik studieren! Das war nur schwer, eigentlich gar nicht mehr zu verstehen - jedenfalls nicht, wenn man auf den gesunden Menschenverstand baute und sich von den neuen Deutungsmustern: Antifaschismus, demokratische Erneuerung und Sozialismus leiten ließ. Unsere Berliner Jugendzeit, eingezwängt - und dies nicht nur symbolisch - zwischen Hitlers Selbstmord und Stalins Tod, war abgelaufen. Und war doch nur ein Vorspiel.

Berlin, den 12.04.2003

Norbert Krenzlin