Buch von Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch, Teil 1: Amerika

Von wem bekam ich denn eigentlich am 18. November (oder in den Tagen kurz davor) diesen Buchtipp?

Jedenfalls kaufte ich sogar am 18. die Kindle-Edition dieses Buchs, bevor ich (richtig) anfing, das Buch zu lesen. Bis auf Weiteres möchte ich mir den Luxus leisten können, Bücher zu kaufen, wenn ich sie lese.

2014-11-19 : Ich kam im ersten Versuch bis zu der Geschichte mit der Rutsche und der Lederhose. Die Kampffischgeschichte finde ich schon leicht obszön. aber zumindest identifiziert sich der Autor nicht mit der dahinter steckenden Einstellung (es war ja schließlich sein Bruder, der die Sache betrieb), und es klingt ja schon auch ein wenig nach moralischer Entrüstung.

2015-01-14 :

Der Zug fuhr in den Bahnhof ein: Hamburg-Altona. … über Hamburg gehört hatte ich schon einiges. Hamburg bot jede Menge Gesprächsstoff auf ganz unterschiedlichen Gebieten. Drei große Hs standen für Hamburg. H wie Hauptbahnhof, H wie Hafenstraße und H wie Herbertstraße. Und über jedes dieser Hs wollte ich nach diesem Tag mehr wissen, als ich gehört und mir vorgestellt hatte.

2015-01-20 : den Abschnitt am Anfang des 4. Kapitels über die Trauer der Familie bezüglich des verstorbenen mittleren Bruders finde ich den bislang ergreifendsten in diesem Buch überhaupt.

2015-01-22 :

Als Stan kam, hätte ich ihn am liebsten umarmt. So freundlich, vertraut und harmlos sah er aus, dieser kleine, ordentlich angezogene Mann. Auf der Heimfahrt sah ich aus dem Fenster, roch Stans Pomade und war heilfroh und dankbar für meine Gasteltern. Mit einem malenden Vietnamveteranen, der vom Balkon aus Bären schießt, Stinktiere an Zaunpfähle nagelt und einen unter Hundeaufsicht zu Tode drillt, ein Jahr lang in diesem Horrorhaus zusammenzuleben? Dagegen hatte ich es doch wirklich gut erwischt. Da waren Dons Gemeinheiten doch eine Lappalie!

2005-01-22 Nachmittag – der Erzähler ist zurück im Land des zu kauenden Brotes:

Auf dem Rückweg vom Hamburger Flughafen fuhr mein Bruder. Ich saß bequem auf dem Beifahrersitz. Mein Vater hatte sich neben meine Mutter nach hinten gezwängt. Wir kamen auf die Autobahn. Plötzlich roch es köstlich. Ich drehte mich um. Da saß mein Vater und schmierte mir ein frisches Schwarzbrot mit meiner Lieblingsleberwurst von Schmale, dem besten Schlachter unserer Stadt. In mehreren Briefen hatte ich von meinem Heißhunger auf Schwarzbrot mit Leberwurst geschrieben. Eigentlich hatte ich diesen Heißhunger gar nicht, aber ich wollte meinen Eltern eine Freude machen. Andauernd hatte ich von Dingen geschrieben, die ich vermissen würde, aber eigentlich gar nicht vermisste, über Entbehrungen, die keine waren. Mein Vater reichte mir das dick abgeschnittene Leberwurstschwarzbrot nach vorne. Ich biss hinein, machte »Mmmmmhhh! Ohhhh!« und schwärmte »Ist das lecker!«. Dabei taten mir die Zähne weh vom Kauen der ungemahlenen Körner und auch der Geschmack war mir zu intensiv. Die letzten zwölf Monate (in den USA) hatte ich mehr oder weniger alle Speisen gelutscht oder maximal ein wenig mit den Backenzähnen zerquetscht. So richtig gekaut hatte ich schon lange nicht mehr. Mein Gott, war das mühsam! Als ich dieses feuchte, verdichtete Schwarzbrot kaute, ahnte ich bereits, wie steinig der Weg werden würde, mich in mein altes Vollkornleben zurückzubeißen.

Ja, in ‘Schland ist es etwas anders mit dem Chic und der Kosmetik:

Meine Freunde erwarteten mich auf dem Parkplatz vor unserem Haus mit bemalten »Welcome Home«-Bettlaken, und, ich hatte nicht mehr damit gerechnet, meine Freundin war auch da. Ich ging auf sie zu. Sie kam mir ein wenig ungepflegt vor, so ungeschminkt und unfrisiert, wie sie da vor mir stand.

Wie war das noch wenige Seiten davor? Ein Amerikaner trällerte “99 Luftballons” und schwärmte von Nena – merkte aber doch an, dass ihre “armpits” so naturbelassen sind.

Auf der Höhe des Abteils drosselte sie das Tempo. Der Junge sagte etwas nach hinten in das Abteil hinein. Meine Mutter und die Tante kamen an das Fenster. Mein Bruder winkte, die Fahrerin rief »Ah, Mamma! Mamma!«, hupte lange und winkte. Für einen Moment, mir kam er damals unendlich lang vor, war meine Mutter starr vor Entsetzen. Sie schien schlicht nicht zu glauben, was sie sah: Ihre Söhne in einem hupenden Taxi mit einer rauchenden, singenden Taxifahrerin mit roter Mähne. In diesem langen Moment sah meine Mutter aus wie ein staunendes Kind.

Völlig fertig saß ich wieder in meinem Sitz. Mein Bruder erzählte detailliert den Hergang unserer Abkoppelung und Odyssee. Da sagte der Sohn meiner Tante, der bis jetzt nur blasiert dreinblickend zugehört hatte: »Mein Gott, Mutter, hörst du das? Wie kann man nur so dumm sein?« Da fuhr meine Mutter ihn an: »Halt deinen Mund, du Klugscheißer. Behalt deine Weisheiten für dich!« Beleidigt verließen meine Tante und ihre beiden Musterkinder das Abteil und blieben bis zur Ankunft im Speisewagen. Meine Mutter setzte sich zwischen uns, legte jedem von uns einen Arm um die Schulter. Mein Bruder und ich sahen uns an. Ich war in diesem Moment so glücklich, dass ich ihn hatte, dass er bei mir gewesen war, so froh, dass er mir gegenübersaß. Ohne ihn wäre ich verloren gewesen. Ich beugte mich über meine Mutter hinweg und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er lachte: »Sag mal, was ist denn mit dir los? Bist du nicht ganz dicht? Hast du das gesehen, Mama, der Kleine da hat mich geküsst!«
An dieses Abenteuer musste ich denken. So lag ich da. Auf dem Bett meines Bruders.

Ein Blick zurück über den Großen Teich – der Gastbruder hatte sein Pferd nach der Abreise des Erzählers aus Bosheit zum Schlachter gegeben:

Ein Brief von Hazel kam. Sie schrieb mir, wie sehr mich alle vermissen würden und wie traurig sie sei, dass mein Jahr bei ihnen so schnell vorbeigegangen sei. Dann las ich folgende Zeile: »I am so sorry, but Don sold the horse.« Sobald es die Zeitumstellung möglich machte, rief ich sie an. Es war ihr unangenehm und sie sagte: »I tried to prevent it.« Ich fragte sie, an wen Don denn das Pferd verkauft hatte. Hazel druckste herum: »You know, Mr. Spock was quite old!« Ich war entsetzt. Doch es war die bittere Wahrheit. Ich sagte: »How could you let him do that?« Hazel klang hilflos: »It was his horse: I couldn’t do anything about it.« »But I liked this horse! I liked it so much! You knew that!« »I am so sorry. He did it when Stan and I were at work. When we came home in the evening the horse was already gone.« »And what did Stan do?« »Don’t ask! He yelled at Don and said: ›Get out of this house. Do you understand? Get out of my house as soon as possible!‹« Nur drei Tage nach meiner Abreise hatte Don das Pferd weggegeben. Hatte Mr. Spock wahrscheinlich für einen Schleuderpreis an einen Abdecker verhökert. Für so gnadenlos hätte ich ihn nicht gehalten. Von dem Geld hatte er sich auf eine Reise nach Toronto begeben. Was für eine miese und heimtückische Rache! Was für eine Niedertracht. So hatte er mir noch ein letztes Mal klipp und klar zu verstehen gegeben, dass er mich hasste und dass nun wieder er es war, der die Entscheidungen traf.

  • … “move” … – an so etwas erinnere ich mich “selbst” auch.
  • die Aale …
  • Basketball …

Aus der Beschreibung des Verlages:

… Dieser mitreißende Entwicklungsroman erzählt von Liebe, Fremde, Verlust und Selbstbehauptung und begeistert durch Sensibilität, Selbstironie und Witz. …

Das stimmt, das steckt alles da drin. Jetzt gerade las ich Teil 1 zu Ende – und habe Hunger auf Teil 2.

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