
Wir möchten heute gemeinsam einen Stolperstein im Gedenken an Arthur Rosenow verlegen, dem, weil er Jude war, von den Nazis jedes Recht auf Existenz und freie Lebensgestaltung aberkannt worden war und schließlich nach einer nicht endenden Reihe von Schikanen deportiert und höchstwahrscheinlich ermordet worden ist. Die genauen Umstände seines Todes sind leider ungeklärt.

Arthur Rosenow wurde am 12.09.1894 in Angermünde geboren. Er war Staatsangehöriger des Deutschen Reiches, aber schon ab dem 14. Juli 1945 konnte mit dem Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen aus "rassischen" und politischen Gründen Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt werden. Ab 1935 wurden Juden durch die Nürnberger Gesetze zu Staatsbürgern "2.Klasse" degradiert, so wurde ihnen z.B. das aktive und passive Wahlrecht entzogen.
Arthur Rosenow musste ab dem 01. Januar 1939 den Zunamen Israel tragen, dazu wurden alle Juden im deutschen Reichsgebiet gezwungen. Als seinen Beruf gibt Arthur Rosenow in der Vermögenserklärung Kaufmann an, zuletzt arbeitete er jedoch als Schweißer bei der Güterabfertigung am Schlesischen Bahnhof in Kreuzberg. Für diese Tätigkeit bezog er ca. 30 Reichsmark. Seit 1939 lebte er in einem Zimmer der Wohnung eines jüdischen Ehepaares namens Bukofzer, die sich in der Graefestr. 3 im dritten Stock befand. In der Vermögenserklärung steht außerdem, dass er dort von 1939 bis November 1942 wohnte und sich anscheinend noch bis Januar 1943 "illegal" aufhielt. Da ein am 30.04.1939 erlassenes Gesetz bestimmte, dass die Wohnungen von Juden ohne Angabe von Gründen und ohne Einhaltungen von Fristen gekündigt werden konnten, wurden Juden rasch aus ihren Wohnungen vertrieben und in sogenannten Judenhäusern, Judenwohnungen und Judenräumen gezwungen zu leben. Ob Arthur Rosenow ebenso gezwungen wurde seine eigentliche Wohnung zu verlassen und bei den Bukofzern einzuziehen, geht aus der Akte nicht hervor. Das Datum seines Einzuges legt diese Vermutung jedoch nahe, zudem wird die Wohnung der Bukofzer als "Judenwohnung" bezeichnet. Die Vermögensakte, die jeder Jude gezwungen war vor seiner Deportation in die Konzentrationslager auszufüllen, schrieb Arthur Rosenow wahrscheinlich nicht selbst. Darauf verweist, dass die Schrift, in der die Angaben gemacht worden sind, eine andere ist als seine Unterschrift. Auch ist alles sehr hastig und unpräzise ausgefüllt und zu diesem Zeitpunkt verfügte Arthur Rosenow über keinerlei Vermögen mehr, denn dieses war schon am 01. Februar 1943 eingezogen worden. Höchstwahrscheinlich wurde die Erklärung in einer Sammelstelle für Juden vor ihrer Deportation von einem nationalsozialistischen Beamten ausgefüllt und Arthur Rosenow musste nur noch unterschreiben. Die Vermögenserklärung ist auf den 06. August 1943 datiert. Unmittelbar nach diesem Zeitpunkt ist Arthur Rosenow deportiet worden. Am 24. November 1943 schreibt der Obergerichtsvollzieher in Berlin an Arthur Rosenow in der Großen Hamburger Str. 26 eine Zustellungsurkunde, vermutlich über die Vermögenserklärung, obwohl zu diesem Zeitpunkt klar ist, dass sich Arthur Rosenow dort längst nicht mehr befindet, da die Große Hamburger Str. 26 nur ein Sammellager für kurze Zeit für bald zu deportierende Juden war. Arthur Rosenows Unterschrift auf der Vermögenserklärung ist das letzte Lebenszeichen von ihn. Sein Todesort und die genauen Umstände sind leider unbekannt.
Ich möchte gern noch erwähnen, wie es mir damit ging die Akte Arthur Rosenows zu bearbeiten und sein Schicksal zu recherchieren. Im ersten Moment als ich die Akte im Potsdamer Archiv in den Händen hielt, war ich verschämt und verunsichert, schließlich waren die Sachen, die darin stehen würden, ja nicht freiwillig und für mich aufgeschrieben worden. Ich las mir also Dinge durch, die ein Mensch unter fürchterlichem Zwang, Terror und unter der Bedrohung seines Lebens preisgab. Schnell habe ich aber doch einen Zugang zur Akte gefunden, so hatte Arthur Rosenow nur vier Tage nach mir Geburtstag und war genau 90 Jahre vor mir geboren worden. Ich habe nicht in der Zeit des Nationalsozialismus, des Holocausts und der Schoah gelebt, doch seit ich mit der Zeit erfahren habe, was geschah, seit ich weiß, dass es Ausschwitz gegeben hat, ist ein zentraler Punkt meines Handelns der Gedanke, dass sich Ausschwitz niemals wiederholen darf und deshalb auch niemals die Gräueltaten der Nazis in Vergessenheit geraten dürfen. Oft frage ich mich, wie jugendliche Rechtsradikale schreien können, Ausschwitz habe es nie gegeben, vielleicht weil sie nie das einzelne Schicksals eines Menschen nachvollzogen haben. Ich denke gerade auch deshalb ist es wichtig den Opfern einen Namen und einen einzelnen Stein zu geben und so zu zeigen, wie in unserer unmittelbaren Umgebung willkürlich Leben, Träume und Ziele eines Menschen einfach ausgelöscht wurden, während andere wegschauten und ihr eigenes Leben weiterführten und ihre grausamen Ziele verwirklichten. Die Stolpersteine sind für mich deshalb Erinnerung und Ermahnung zugleich, dass dieses grausame Kapitel der Geschichte sich nicht wiederholt, aber auch besser aufeinander zu achten und seine Verantwortung für das Leben und die Existenz anderer wahrzunehmen. |